EUROPA

Was für ein Mythos. Und was für eine Problembegriff in unseren Tagen. Der Name der Tochter eines phönizischen Königs gibt einem von ihr eher unfreiwillig besuchten Landstrich den Namen – und ist in unseren Tagen zugleich ein Synonym geworden für unsere Probleme, sich nicht nur innerhalb seines eigenen Tellerrandes als Gemeinschaftswesen zu verstehen.antwerpen-dachterrasse
Dabei ist der Grundgedanke einer gemeinsamen Identität in der Vielfalt und zugleich Verwandtschaft seiner Kulturen kein so ganz schlechter.
Wenn wir uns gegenseitig besuchen und miteinander in Kontakt treten, treibt das zwar so manche seltsame und schrille Blüten von ausufernden Straßenzeilen mit Souvenirartikeln und geschmacklich abgeschliffenen Restaurants.
Aber die Idee Europas ist es wert, dass wir sie uns zunutze machen: Dass wir uns besuchen, uns nach dem Empfinden erkundigen und dabei einander in unserer Verschiedenheit und kulturellen Vielfalt kennen- und vielleicht auch schätzen lernen.
Und auf der bürgerlichen und politischen Bühne haben wir Diskussions- und Streitstoff genug, der uns die Verwirklichung eines geeinten Europas nicht leicht macht. Aber die Suche nach einem darunter liegenden tragfähigen Fundament für einen darauf auszubauenden Frieden im Miteinander ist eine großartige Idee.
Und wenn wir mal über die Erdgeschosse der Souvenirgeschäfte hinaus nach oben die Fassaden und auf den Dachterrassen die Silhouette einer Stadt bewundern und darin ihr Symbol für die Freiheit und Wohnlichkeit unseres Kontinents erkennen, können wir in dieser Ruhe die Schönheit und Attraktivität des Friedens entdecken, das uns dieses Europa schenken will.
Ich glaube, wegen dieser Entdeckung würde auch unsere Phönizierin mit dem unfreiwillig betretenen Land ihren Frieden schließen.

Die Anker lichten...

…sonst kann sie nicht losgehen – auch wenn sie im Kopf längst losgegangen ist: Meine Reise durch Zeit und Raum, durch die Welt und durch mein Leben. Anders als ein Baum, der verwurzelt ist und die Welt nur als Bild zwar im 360- Grad-Modus, aber eben nur um sich herum wahrnehmen kann, kann ich um alles herum gehen, kann alles auch von einer anderen Seite sehen.antwerpen-schiff
Ich darf alles dreidimensional bestaunen – weil ich mich bewegen kann.

Am besten klappt es, wenn ich die Anker lichte und auf Reisen gehe. Überall kann ich dann vor Anker gehen, wo es mir gefällt und wo ich mir besondere Eindrücke erhoffe – und manchmal muss ich das auch, wo es mir nicht gefällt und ich dann Erfahrungen sammle, die ich mir so nicht gewünscht habe.

So oder so bin ich dabei aber nicht ohne eine innere Verankerung unterwegs. Denn ich komme ja nicht von irgendwoher und segle auch nicht einfach irgendwohin. Ich kenne meine Herkunft und öffne mich zugleich für neue Welten.

Verwurzelung passt nicht zu mir, die Verankerung schon eher. Und überall, wo ich vor Anker gehe, nehme ich etwas in meinem gedanklichen Seesack mit, der nie zu schwer wird, obwohl ich stets etwas Neues hineinpacke.

Ich bin ein Mensch, weil ich durch und durch, körperlich wie gedanklich beweglich bin. Weil ich die Unendlichkeit der Welt als Teil meiner selbst spüre. Weil ich Lebensfreude daran habe, die Anker zu lichten und diese auch wieder auszuwerfen.matrose-dehaag

Eine Reise ins Land der Mitte - Gedanken eines Busfahrers

scheibe-tunnel
Wir fahren durch die Nacht. Die Fahrgäste haben es sich schon reichlich gemütlich gemacht. Manche plaudern, manche lachen, viele haben die Augen geschlossen, weil sie schlafen oder auch nicht. Jedenfalls ist gegen 1 Uhr nachts kein Entertainment mehr gefragt.

Ein Film läuft real vor dem Fenster ab: Lichter und Landschaften sausen an uns vorbei. Wir sehen sogar noch brennende Wohnzimmerlampen und flimmernde Kisten. Aber es bleibt dabei: Wir allein haben den spannendsten Film – einen Roadmovie – gewählt, obwohl so gut wie nichts in ihm passiert. Außer in unseren Köpfen.

scheibe-autos
Unser Raum wird aufgrund der Dunkelheit immer kleiner, währenddessen unsere Gedanken in alle Richtungen schweifen. Wie die Autos, die nach und nach die Autobahn verlassen. Wir und wenige andere sind noch in Bewegung. Dennoch kehrt Ruhe ein: Auf der Straße, in den Gedanken und im Bauch - obwohl ich schon lange nichts mehr gegessen habe.

Nur ab und an trinke ich einen Schluck reines Wasser. Meine Konzentration ist beim Verkehr und bei der Kontrolle der Bewegung des Busses und seiner Instrumente. Und damit bin ich voll und ganz in der Gegenwart. Die Zeit, in der ich nicht einmal mehr Hunger spüre, scheint still zu stehen.

ich-rueckspiegel
In ihr dürfen Gedanken und Fahrgäste kommen und gehen. Ungezwungene Gespräche mit ihnen und meinen Gedanken haben jetzt ihre Zeit. Ich höre schlafende Fahrgäste und Chopins Klavierkonzert, fahre im Gefühl, zeitlos, bodenlos und endlos irgendwo auf der Erde unterwegs zu sein. Nur das, was jetzt ist, ist wirklich.

Das Busfahren hat etwas von einer Askese, die ein Weg zum Glücklichsein ist. Der Bus und seine Bewegung mit ihm ist für diese Zeit lang meine Mitte, das Busfahren wird zum Kreisen um mich selbst, zur Meditation – wenn uns keine schikanöse Polizeikontrolle oder ein sabotierender Keilriemen einen Strich durch diese Mitte machen ...

Boxenstopp

caffe-davos
Ich sitze im Café. Der Kaffee steht vor mir. Ich mache Zucker hinein und rühre um.

Damit bin ich endlich angekommen - in der Gegenwart. Egal woher ich komme, wohin ich nachher muss. Jetzt bin ich da, vielleicht sogar richtig da. Ganz da in der Zeit, die jetzt ist. Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ohne geht es einfach nicht.

Aber nur sie und die Leute auf der Straße bewegen sich.
Ich bin ja einfach nur da.

Ich schaue und mache Beobachtungen, Bewertungen.
Schlaue und weniger schlaue. Es liegt an mir.

bregenz-promenade
Vor mir breitet sich die Straße, eine Landschaft, ein Platz, etwas Musik, einfach das Leben aus. Ich nehme es wahr, in seiner Einfachheit, in der lebendigen Einfalt und praktischen Art und Weise - und entdecke mein Leben darin, meine Weite, die nicht nur vor mir liegt, sondern sich auch in mir ausbreitet - wenn ich einfach ganz da bin.

In dieser Weite schaue ich irgendwann durch alle und alles hindurch.

Das Leben vor mir geht einfach ohne mich weiter.
Ich lasse das zu - und alles los. Für einige Momente.

In denen geht das Leben dann in mir selbst weiter: In neuen Gedanken, in alten Kamellen, in tiefen Erkenntnissen und flachen Plattitüden.

caffe-costabrava
Das Café ist eine Chance: Für dunkelbraunen Kaffeegenuß, helle Gedanken und wache Momente. Einfach wenn ich da bin, ganz da bin - solange noch Kaffee da ist oder sogar darüber hinaus, denn die Weite vor mir und in mir kann ja so grenzenlos sein.

Alpen inklusive

jugend-rom
Die Hitze des Sommertages lässt - jetzt spätnachmittags - allmählich nach. Der Reisebus wird bepackt und die Jugendlichen suchen sich ihre Plätze in dem viel zu heißen Bus. Dort werden sie die kommende Nacht verbringen auf dem Weg nach Hause. Ich warte lieber draußen bis zur Abfahrt, denn ich werde ja sowieso noch lange genug vorne links am Steuer sitzen.

Dann geht es los, über toskanische Hügellandschaften, wo die Jugendlichen ihr Jugendlager verbracht haben, vorbei an Florenz, das in der Sonne glänzt. Der Bus klettert an den Hängen des Apennin die „Autostrada” hoch. Es ist einer der schönsten Momente beim Busfahren, wenn sich der Tag langsam neigt und die Sonne alles vergoldet, wenn dann die Temperatur im Bus erträglicher und die Stimmung der Jugendlichen angenehm ausgelassen wird.unterwegs-spiegel

Wir überqueren den Grat des Apennin und lassen gleichzeitig Sonne und Urlaubsregion zurück. Vor uns liegt die weite Ebene der Emilia Romagna, die bis zu den Alpen reicht und über uns senkt sich langsam die Dämmerung herab. Für die Jugendlichen beginnt die Zeit, einen Video zu gucken. In der Umfahrung von Milano steuere ich einen Rastplatz an und verabschiede mich mit einem letzten italienischen Caffé von Italien.

Mittlerweile ist die Nacht völlig hereingebrochen. Einige Jugendliche machen es sich gemütlich und quatschen miteinander, andere Jugendliche fallen vom Urlaub erschöpft in tiefen Schlaf. Eine lange Nachtfahrt inklusive Alpenüberquerung liegt nun vor uns, von den Bergen ist allerdings wenig zu sehen. Das offene Fenster verschafft mir am Steuer kühle Bergluft. Am Gaspedal spüre ich die Steigungen, die immer länger werden. Ich höre das gleichmäßige Brummen des Motors, der 11 Meter hinter meinem Sitz seine Arbeit macht.

So reduziert sich Geselligkeit auf die Geräusche des Motors, meine Gedanken und auf das Bild vor meinen Augen: die Straße, von der ich pro Sekunde fast 28 Meter „verschlinge”. So bin ich eigentlich ziemlich allein hier vorne - aber ich fühle mich nicht so. Denn obwohl ich die Berge nicht sehe, sind sie für mich trotzdem da, weil ich vom vielen Fahren auf dieser Strecke weiß, wo und wie sie stehen. Sie sind mir vertraut wie die Schilder und die angestrahlten Sehenswürdigkeiten. Die Straße ist für mich wie ein Zuhause, obwohl ich nicht auf ihr wohne, sondern nur auf ihr fahre. So fahre ich stundenlang und genieße es.
jugend-rolltreppe
„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.” habe ich einen alten Kirchenvater namens Augustinus im Kopf. Obwohl selbst wohl kein Busfahrer gewesen bringt er damit die Erfahrung eines fast „rausch-haften Unruhestands” eines Busfahrers auf den Punkt, und das aus christlicher Sicht: Wir alle, ob Busfahrer oder nicht, tragen die Unruhe in uns. Immer wieder und gerade zur Urlaubszeit wünschen wir uns, aufzubrechen und - für kürzere oder längere Zeit - unterwegs zu sein.

Aber im Grunde sind wir nicht nur mit unseren Füßen, sondern zuallererst in unseren Köpfen „mobil”: nämlich immer auf der Suche nach so etwas wie dem allerschönsten Zuhause - und sind dann ausgerechnet in der Mobilität ein Leben lang Zuhause. Dabei haben wir Christen vor allem dieses Ziel vor Augen: die Ruhe bei Gott zu finden. So sind wir „nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh‘…der ewigen Heimat zu.” wie es in einem Kirchenlied heißt.
unterwegs-metroplan

Die Jugendlichen im Bus wissen wohl eher nichts von Augustinus. Allerdings habe ich oft den Eindruck, dass sie ebenso hoffen, gerade in der Mobilität etwas für ihr Leben Bedeutungsvolles zu finden. Und so spüren sie wie ich ein Kribbeln in der Magengegend, wenn ich den Busmotor starte und wir alle wieder „on the road” sind …

Bernward Lindinger